Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein

Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna-Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das „Herz der Finsternis“.

Mit diesen Worten der Historiker Prof. H.-W. Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler öffnet die Webseitensammlung der “Freien Arbeitsgruppe JHH2006” die von Helmut Jacob, selbst ehemaliges Heimkind des Johanna-Helenen-Heims in Volmarstein, mit großem persönlichen Engagement betrieben wird.

Auf diesen Seiten wurden in jahrelanger Arbeit Berichte von Opfern zusammengetragen, recherchiert und veröffentlicht. Auch die historischen Aufarbeitungen der Historiker Schmuhl und Winkler zur dunklen Pädagogik in der Nachkriegszeit in Volmarstein finden sich hier:

Homepage der Freien Arbeitsgruppe JHH2006 gewalt-im-jhh.de

Blog von Helmut Jacob

Neuer Blog von Helmut Jacob

 


Von Irene Dänzer-Vanotti, freie Journalistin, für den Evangelischen Pressedienst (epd):

Volmarstein. Körperbehinderte Heimkinder waren in einem Heim der Stiftung Volmarstein in den 50er und 60er Jahren körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommen die Historiker Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, die im Auftrag der Stiftung die Situation im Johanna-Helene- Heim untersuchten. Die etwa 60 Mädchen und Jungen, die in diesem Heim aufwuchsen, seien geschlagen und gedemütigt worden, sagte Schmuhl am Donnerstag in Volmarstein bei der Vorstellung der Forschung. „Die Züchtigung war auch nach damaliger Rechtslage als Körperverletzung strafbar,“ sagte Schmuhl und warf damit auch der damaligen Leitung des Sozialwerks vor, die Kinder nicht vor ihren Betreuerinnen geschützt zu haben. Die Bewohner des Heims, die zum Teil noch heute in Volmarstein leben, sprachen sich dafür aus, dass beim „Runden Tisch zur Aufarbeitung des Schicksals von Heimkindern“ Misshandlungen körperbehinderter Kinder eigens behandelt werden. „Es wäre fatal, wenn Behinderte dort nicht vertreten wären,“ fügte Hans-Walter Schmuhl hinzu.

Ein Mädchen hatte sein Mittagessen stehen lassen. „Zwei Diakonissen legten sie auf den Boden, schaufelten das Essen in sie hinein und wenn sie erbrach, fütterten sie ihr auch Erbrochenes.“ Dies ist nur eine Szene der Gewalt, die die Historiker aus Gesprächen und Dokumenten über das Leben im Johanna-Helenen-Heim ermittelten. In dem Heim lebten zwischen 1945 und 1968 etwa 60 körperbehinderte Kinder und Jugendliche. Sie wurden von Königsberger Diakonissen betreut. Diese waren aber, wie die Historikerin Ulrike Winkler sagte, für diese Arbeit nicht ausgebildet. „Außerdem waren sie selbst vermutlich von Misshandlungen durch Soldaten bei Kriegsende in Königsberg traumatisiert.“ Sie hätten die Kinder mit schwersten körperlichen Strafen erzogen. Schläge auf den nackten Hintern, die Bettnässer jeden Morgen über sich ergehen lassen mussten, müssten als sexuelle Gewalt gelten, so die Historiker.

Die Lehrerin Getrude Steiniger wurde als besonders gewalttätig geschildert. Sie war selbst körperbehindert. „Bei ihr mussten Kinder stundenlang in der Ecke stehen, wenn sie nicht gehorcht hatten,“ schilderte Ulrike Winkler die Erziehungsmaßnahmen. Viele Kinder seien dabei zusammengebrochen.

Diese Methoden hatten bei aller Brutalität einen theoretischen Hintergrund aus pädagogischen Überzeugungen des frühen 20. Jahrhunderts. Krüppel, wie Behinderte damals genannt wurden, müssten durch Willenskraft ihre körperlichen Schwierigkeiten ausgleichen. Vor allem müsste alles getan werden, damit sie sich in die Gemeinschaft eingliedern. „Jedes schulfähige Krüppelkind gehört auf eine Krüppelschule.“ Das war das Motto, das auf den Pädagogen Hans Würtz zurückging. „Das Ziel war eine komplette Selbstverleugnung der Kinder,“ so die Historiker. Dieses Ziel habe vor allem die selbst körperbehinderte Lehrerein Gertrude Steiniger gedient.

In den 50er und 60er Jahren war diese Pädagogik allerdings weder zeitgemäß noch rechtlich gestattet. „In Nordrhein-Westfalen war körperliche Züchtigung schon seit 1949 nur im äußersten Notfall, bei Mädchen gar nicht erlaubt,“ sagte Hans-Walter Schmuhl, Historiker an der Uni Bielefeld. „Die Leitung der Volmarsteiner Anstalten wäre also verpflichtet gewesen, die Erzieher zu überwachen und Kinder vor Körperstrafen zu schützen.“

„Kinder, die keine Eltern hatten, waren ganz und gar schutzlos,“ erzählt Klaus Dickneite. Der 62jährige lebte zwischen seinem zweiten und 20. Lebensjahr im Johanna Helenen-Heim und ist heute Sprecher der ehemaligen Bewohner. „Ich habe einmal die Schwestern darauf aufmerksam gemacht, dass einer meiner Freunde Ohrenschmerzen hat. Daraufhin musste ich zwei Wochen lang Nachmittags und am Wochenende den ganzen Tag im Bett bleiben.“ Klaus Dickneite hatte „jedes Stigma der damaligen Zeit“. Er war „körperbehindertes, uneheliches Kind einer katholischen Mutter.“

Die Historiker bestätigen, dass Waisenkinder oder Sozialwaisen, deren Eltern sich nicht um sie kümmerten, den Diakonissen ausgeliefert waren. Uneheliche Kinder seien von den Diakonissen besonders demütigend behandelt worden.

Die ehemaligen Bewohner des Heims haben sich inzwischen zu einem Freundeskreis zusammengeschlossen und auf der Webseite „www.gewalt-im-jhh.de“ Übergriffe dokumentiert. „Die Informationen auf dieser Seite sind zutreffend und eine gute Möglichkeit der Betroffenen, ihre Lage zu schildern und sich dadurch ein wenig Erleichterung zu verschaffen,“ sagt Hans-Walter Schmuhl.

Das Johanna-Helenen-Heim wurde 1968 wegen Baumängeln am Gebäude geschlossen. „In dem Heim herrschten Willkür, Zerstörung, Angst und Einsamkeit. Man blickte in das Herz der Finsternis,“ fasste Ulrike Winkler die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Untersuchung zusammen.

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