Rezension von Dierk Schäfer, Psychologe, Kriminologe, Theologe

Der Psychologe, Kriminologe und Polizeipfarrer i.R. Dierk Schäfer hat eine sehr packende Rezension zum “Weissen Hasen” verfasst.

Dierk Schäfer, der u.A. als Tagungsleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll und wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter der Universität Tübingen tätig war, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Schicksal von Heimkindern und vertritt aktiv deren Interessen. Er erhielt hierfür im Januar 2009 den Kinderrechtspreis des Bundesverbandes Anwalt des Kindes.

Heute betreibt Dierk Schäfer eine psychologische Praxis in Bad Boll.

Seine Einsichten in die Welt der Wirrungen um das Schicksal mißbrauchter Kinder, aber auch Kommentare zu gesellschaftlichen und politischen Anliegen teilt er regelmäßig in seinem interessanten Blog, den wir an dieser Stelle empfehlen möchten:

Rezension von Dierk Schäfer über den “Weissen Hasen”

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 Dierk Schäfer

Dierk Schaefers Blog

Was tut ein weißer Hase im Internet?

„Es hatte bestimmt alles seine Ordnung“, schreibt Günter Scheidler. Doch das stimmt nicht. Nichts war in Ordnung. Seine Mutter hatte ihn nach seiner Geburt in die Obhut des Staates übergeben, unfähig und unwillig sich seiner anzunehmen. Sein Vater wusste nichts von seiner Geburt und so verbrachte er das erste halbe Jahr seines Lebens an dem Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte. Später, im Kinderheim, wenn jedes Wochenende viele Kinder Besuch von Ihren Eltern bekamen, blieb er stets allein und niemand sagte ihm warum. Einmal, zu Weihnachten, bekam er einen Freund. Einen Hasen. Einen kleinen weißen Plüschhasen.Weißer Hase

„Ich war plötzlich nicht mehr allein, dort am Ende der Welt, und wenn mich schon niemand dort besuchen kam, so hatte ich nun endlich jemanden, der mir immer zuhörte.“

Doch im März 1965 kam ein dunkler VW Käfer. „Es war kein Platz im Auto für meinen einzigen Freund, den kleinen weißen Hasen. Als wir an der großen schweren Eingangstür vorbeifuhren, drehte ich mich kurz um und sagte leise: „Keine Angst weißer Hase, ich bin bald wieder da“. Ich wusste nicht, dass ich mein Versprechen nicht halten werde. Das Auto brachte mich auf direktem Weg in die Hölle.“

Wer mit Heimkinderschicksalen vertraut ist, kann kaum noch erschüttert werden. Doch jedesmal läuft es mir eiskalt über den Rücken, wenn ich von eiskalt-sadistischen Erziehern lese und hätte gern ihr Psychogramm. Warum tickt ein Mensch so wie Schwester Elisabeth?

Auf dem Gelände der Anstalt, gab es ein Kriegerdenkmal mit vielen Namen von gefallenen Soldaten. „Es sah aus wie ein Friedhof, für uns war es ein Friedhof. Schwester Elisabeth wusste das. Beim letzten Spaziergang nahm sie mich zur Seite, zeigte auf den großen Stein und sagte zu mir „Und da kommst Du auch hin“. „Im Bewusstsein, dass man zu jeder Zeit willkürliche Bestrafungen erfuhr und dass das Leben eines Kindes hier keinen großen Wert zu haben schien, versuchte ich nicht aufzufallen und heil durch den Tag zu kommen.“

Heimwechsel: In der Kinderpsychiatrie musste ich mich nur vor den Schwestern, Pflegern und Ärzten fürchten. Hier musste ich jeden fürchten. „Du bist also der aus dem Irrenhaus“ sagte sie schließlich. Ich stand wie angewurzelt und wagte es nicht zu antworten. Sie drehte sich zu den sitzenden Kindern und sagte laut: ,Kinder, das ist der neue, von dem ich Euch erzählt habe. Er ist nicht ganz richtig im Kopf und kommt direkt aus dem Irrenhaus. Er wird nicht mit Euch zur Schule gehen, dafür ist er zu dumm, ihm werden hier auch keine Extra­würste gebraten. Schlimm dass so etwas bei uns aufgenommen wird, aber wir werden ihm schon zeigen wie wir hier mit solchen Kindern umgehen.’ Ein Raunen ging durch den Raum. Dann drehte sie sich zu mir und sagte genauso laut: ,Ich bin Schwester Therese. Mit Dir werde ich schon fertig. Jetzt geh und setz´ Dich in die letzte Reihe, wage es ja nicht albern zu sein.’“ Schwester Therese war schlimmer als Schwester Elisabeth. „Wie ein Pfarrer bei der Segnung legte Schwester Therese eine Hand, manchmal auch beide auf den Kopf des oder der Badenden, sprach ein schnelles ,Herr vergib ihm/ihr’ und tauchte dann mit aller Kraft den Kopf des Kindes unter Wasser. Manchmal einmal, manchmal mehrmals.“

Wie schon gesagt: Ich hätte gern ein Psychogramm.

Die ganze Geschichte von Günter Scheidler kann man nun online lesen.

Und der weiße Hase? Verwandelt! Er taucht in anderer Farbe, aber weiterhin als wichtiger Freund eines Kindes, wieder auf im Buch von Marie-Aude Murail, Simpel. Eine Rezension dazu unter

https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/ .

Es ist die zweite der unter diesem Link zu findenden Rezensionen.

Herzlichen Dank für Ihren wertvollen Worte und für Ihre fortwährende Arbeit im Interesse der Kinderrechte lieber Herr Schäfer.

 

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Eine Antwort auf „Rezension von Dierk Schäfer, Psychologe, Kriminologe, Theologe“

  1. Es ist gut, dass Günter Scheidler seine an ihm ausgeübten Verbrechen veröffentlicht hat. Die Rechtsnachfolger müssen immer wieder mit den Verbrechen konfrontiert und daran erinnert werden, dass diese Verbrechen längst nicht vergessen sind. Viele Opfer leiden ihr Leben lang. Manche werden Jahrzehnte später krank und sterben an dieser Krankheit, deren eigentliche Ursache in den Erlebnissen ihrer Kindheit liegen. Das Schweigegeld von 10.000€ und für behinderte Opfer 9.000€ ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der Gequälten. Man kann solche Durchtriebenheit schon auch als Verbrechen werten.
    Ich rufe alle die auf, die trotz des Schweigegeldes nicht schweigen, immer wieder ihre Stimme zu erheben und zu vermitteln, dass diese lächerlichen Summen längst nicht die physischen, psychischen und sexuellen Wunden kompensieren.

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