VERFAHREN EINGESTELLT, ERMITTLER BEDROHT, AKTEN VERSCHWUNDEN.

Kaum im Dienst, erfährt der junge Zürcher Polizist Peter Mathys, dass gegen einen mutmasslich pädophilen Gerichtspräsidenten ermittelt wird. Das Verfahren wird eingestellt. Der Fall lässt Mathys nicht los: Fast 30 Jahre später rekonstruiert er den Fall – und schreibt einen Krimi darüber, der auf echten Tatsachen beruht.

Es musste ein “fiktiver Krimi” werden – denn öffentlich die Fakten benennen, wäre ein Verstoß gegen das Amtsgeheimnis. 

Damals war er noch ein junger Polizist mit Idealen und Werten und hat an den funktionierenden Rechtsstaat geglaubt. Peter Mathys (60) wuchs in Küsnacht im Schweizer Kanton Zürich auf und suchte nach einer Lehre bei der Bank nach etwas Sinnvollerem. 1982 besuchte er bei der Stadtpolizei Zürich die Polizeischule. «Das war natürlich sehr idealisiert, aber vielleicht braucht es diesen Idealismus, um als junger Mensch Polizist zu werden.» sagt er

Irgendwann  berichtete ihm ein verdeckter Fahnder von einem mutmaßlich pädophilen Züricher Gerichtspräsidenten, der regelmäßig nach Paris fahre, um dort kleine Jungs zu missbrauchen. Dass jemand, der eigentlich Verbrechen aufklären sollte, ebenfalls Verbrechen begehen könnte, schockierte Peter Mathys damals zutiefst. Der Fahnder erwähnte gegenüber Mathys, dass die Ermittlungen des zuständigen Sachbearbeiters bei der Sittenpolizei gestoppt worden seien, er im Stich gelassen und gemobbt werde. Und das, obwohl es bereits Kontakt zur französischen Polizei gegeben habe.

Mathys schrieb mehreren höheren Beamten und wollte auf den Fall aufmerksam machen. «Weil ich mich als Polizist dazu verpflichtet fühlte. Ich dachte, jetzt kommt alles ins Rollen. Doch nichts passierte. Nicht einmal eine Antwort erhielt ich.»

Die Ermittlungen gegen den Gerichtspräsidenten wurden schließlich eingestellt. Außerdem sind von diesem Fall überhaupt keine Akten vorhanden, wie das Zürcher Obergericht später festgestellt hat. Eine angeblich durchgeführte interne polizeiliche Untersuchung sah darin später keine Unkorrektheit. «Alles blieb vertuscht. Damals ist in mir etwas kaputtgegangen», sagt Mathys heute. Der 2015 verstorbene Gerichtspräsident blieb bis zu seiner Pensionierung im Amt.

Mathys konnte nicht verstehen, wie eine solche Angelegenheit einfach unter den Teppich gekehrt werden konnte. «Natürlich gibt es ein übergeordnetes Interesse, der Rechtsstaat muss geschützt werden. Aber hier ging es um den Verdacht mutmaßlichen Missbrauchs an Knaben; den zu verfolgen und aufzudecken, ist doch wichtiger als das Ansehen des Staats!»

In seinem Kriminalroman «Schlimmer Verdacht» konnte Mathys das Erlebte nun verarbeiten. «Hätte ich diese Geschichte nicht erzählt, wäre ich als Polizist psychisch kaputtgegangen.» Damit wollte er auch den Sittenpolizisten rehabilitieren, der kaputtgemobbt und für unglaubwürdig erklärt worden sei. «Dieser Mensch war ein hervorragender Sittenpolizist, der über 70 komplexe Ermittlungsverfahren gegen pädophile Straftäter meist mit Erfolg geführt hat. Über das Buch hat er sich gefreut, das bedeutet mir viel. Er ist heute schwer krank, hat aber zum Glück eine Frau, die sich um ihn kümmert.»

Es ist Peter Mathys’ erstes Buch. Zwei Jahre hat er daran gearbeitet. Geschrieben hat er schon früher: In den 80er-Jahren verfasste Mathys mehrere Jahre lang für die «Züri-Woche» die Kolumne «Polizeialltag». Sein Roman basiert auf den Berichten von involvierten Kriminalbeamten. «Etwa 80 Prozent davon sind Tatsachen», sagt er. Fehlende Stellen hat er literarisch ergänzt. Mut habe es nicht gebraucht, die Geschichte zu veröffentlichen, obwohl Mathys mit seinem Buch die Grenzen des Amtsgeheimnisses auslotet.

Auch heute noch, knapp 30 Jahre später, merkt man Mathys die Enttäuschung an. Gewisse Dinge müssten an die Öffentlichkeit. «Ich stelle das Amtsgeheimnis mit keinem Wort infrage. Doch es trägt dazu bei, dass begangene kriminelle Handlungen innerhalb eines Staatsbetriebs wie unter einer ‹Glasglocke› geschützt werden, nie an die ­Öffentlichkeit gelangen und nicht geahndet werden. Es braucht in der Schweiz unbedingt einen besseren Whistleblower-Schutz.» Damit spricht er auch die Whistle­blowerinnen Margrit Zopfi und Esther Wyler an, die 2007 über missbräuchlich bezogene Sozialgelder beim Zürcher Sozialdepartement informierten und dafür wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt wurden. Für Mathys sind Zopfi und Wyler zwei mutige Frauen.

Heute arbeitet Mathys im Tagdienst in der Quartierwache in Zürich-Schwamendingen. Mit seiner Frau Susanne (58) wohnt er in Fällanden. Die Töchter Melanie und Nadine sind bereits ausgeflogen. Die besten Ideen zum Schreiben habe er beim Reiten mit
seiner 22-jährigen Islandstute Hekla. Hier findet Mathys einen Ausgleich zum Beruf. «Als Polizist brauchst du einen festen familiären, sozialen Boden. Nur mit dem Polizeiberuf verheiratet zu sein, geht nicht auf, denn dort findest du dein Glück nicht.»

Trotz allem, was vorgefallen ist, betrachtet Mathys den Polizeiberuf als etwas Sinnvolles. „Die Menschen, die hilfesuchend zu uns kommen, können ja nichts dafür, wenn etwas im Polizei- und Justizapparat schiefläuft. Ich bin nicht Polizist für meine Vorgesetzten geworden, sondern für die Bevölkerung. Dieser Gedanke hat mich gerettet,“ sagt der Polizist im Interview mit dem MigrosMagazin Schweiz.

Hier gehts zum Buch von Peter Mathys „Schlimmer Verdacht“

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Rezension von Dierk Schäfer, Psychologe, Kriminologe, Theologe

Der Psychologe, Kriminologe und Polizeipfarrer i.R. Dierk Schäfer hat eine sehr packende Rezension zum “Weissen Hasen” verfasst.

Dierk Schäfer, der u.A. als Tagungsleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll und wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter der Universität Tübingen tätig war, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Schicksal von Heimkindern und vertritt aktiv deren Interessen. Er erhielt hierfür im Januar 2009 den Kinderrechtspreis des Bundesverbandes Anwalt des Kindes.

Heute betreibt Dierk Schäfer eine psychologische Praxis in Bad Boll.

Seine Einsichten in die Welt der Wirrungen um das Schicksal mißbrauchter Kinder, aber auch Kommentare zu gesellschaftlichen und politischen Anliegen teilt er regelmäßig in seinem interessanten Blog, den wir an dieser Stelle empfehlen möchten:

Rezension von Dierk Schäfer über den “Weissen Hasen”

Blog von Dierk Schäfer

Psychologische Praxis Dierk Schäfer Homepage

 Dierk Schäfer

Dierk Schaefers Blog

Was tut ein weißer Hase im Internet?

„Es hatte bestimmt alles seine Ordnung“, schreibt Günter Scheidler. Doch das stimmt nicht. Nichts war in Ordnung. Seine Mutter hatte ihn nach seiner Geburt in die Obhut des Staates übergeben, unfähig und unwillig sich seiner anzunehmen. Sein Vater wusste nichts von seiner Geburt und so verbrachte er das erste halbe Jahr seines Lebens an dem Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte. Später, im Kinderheim, wenn jedes Wochenende viele Kinder Besuch von Ihren Eltern bekamen, blieb er stets allein und niemand sagte ihm warum. Einmal, zu Weihnachten, bekam er einen Freund. Einen Hasen. Einen kleinen weißen Plüschhasen.Weißer Hase

„Ich war plötzlich nicht mehr allein, dort am Ende der Welt, und wenn mich schon niemand dort besuchen kam, so hatte ich nun endlich jemanden, der mir immer zuhörte.“

Doch im März 1965 kam ein dunkler VW Käfer. „Es war kein Platz im Auto für meinen einzigen Freund, den kleinen weißen Hasen. Als wir an der großen schweren Eingangstür vorbeifuhren, drehte ich mich kurz um und sagte leise: „Keine Angst weißer Hase, ich bin bald wieder da“. Ich wusste nicht, dass ich mein Versprechen nicht halten werde. Das Auto brachte mich auf direktem Weg in die Hölle.“

Wer mit Heimkinderschicksalen vertraut ist, kann kaum noch erschüttert werden. Doch jedesmal läuft es mir eiskalt über den Rücken, wenn ich von eiskalt-sadistischen Erziehern lese und hätte gern ihr Psychogramm. Warum tickt ein Mensch so wie Schwester Elisabeth?

Auf dem Gelände der Anstalt, gab es ein Kriegerdenkmal mit vielen Namen von gefallenen Soldaten. „Es sah aus wie ein Friedhof, für uns war es ein Friedhof. Schwester Elisabeth wusste das. Beim letzten Spaziergang nahm sie mich zur Seite, zeigte auf den großen Stein und sagte zu mir „Und da kommst Du auch hin“. „Im Bewusstsein, dass man zu jeder Zeit willkürliche Bestrafungen erfuhr und dass das Leben eines Kindes hier keinen großen Wert zu haben schien, versuchte ich nicht aufzufallen und heil durch den Tag zu kommen.“

Heimwechsel: In der Kinderpsychiatrie musste ich mich nur vor den Schwestern, Pflegern und Ärzten fürchten. Hier musste ich jeden fürchten. „Du bist also der aus dem Irrenhaus“ sagte sie schließlich. Ich stand wie angewurzelt und wagte es nicht zu antworten. Sie drehte sich zu den sitzenden Kindern und sagte laut: ,Kinder, das ist der neue, von dem ich Euch erzählt habe. Er ist nicht ganz richtig im Kopf und kommt direkt aus dem Irrenhaus. Er wird nicht mit Euch zur Schule gehen, dafür ist er zu dumm, ihm werden hier auch keine Extra­würste gebraten. Schlimm dass so etwas bei uns aufgenommen wird, aber wir werden ihm schon zeigen wie wir hier mit solchen Kindern umgehen.’ Ein Raunen ging durch den Raum. Dann drehte sie sich zu mir und sagte genauso laut: ,Ich bin Schwester Therese. Mit Dir werde ich schon fertig. Jetzt geh und setz´ Dich in die letzte Reihe, wage es ja nicht albern zu sein.’“ Schwester Therese war schlimmer als Schwester Elisabeth. „Wie ein Pfarrer bei der Segnung legte Schwester Therese eine Hand, manchmal auch beide auf den Kopf des oder der Badenden, sprach ein schnelles ,Herr vergib ihm/ihr’ und tauchte dann mit aller Kraft den Kopf des Kindes unter Wasser. Manchmal einmal, manchmal mehrmals.“

Wie schon gesagt: Ich hätte gern ein Psychogramm.

Die ganze Geschichte von Günter Scheidler kann man nun online lesen.

Und der weiße Hase? Verwandelt! Er taucht in anderer Farbe, aber weiterhin als wichtiger Freund eines Kindes, wieder auf im Buch von Marie-Aude Murail, Simpel. Eine Rezension dazu unter

https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/ .

Es ist die zweite der unter diesem Link zu findenden Rezensionen.

Herzlichen Dank für Ihren wertvollen Worte und für Ihre fortwährende Arbeit im Interesse der Kinderrechte lieber Herr Schäfer.

 

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Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V.

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. (VEH e.V.) versteht sich als eine Bürgerrechtsorganisation und Selbsthilfegruppe.

Er hat das Ziel, über die Praktiken der schwarzen Pädagogik und die bei Heimerziehung häufigen Anwendung von Körperstrafen und sexueller Gewalt gegen Kinder aufzuklären sowie Kontakt zwischen den bis weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinweg verstreut lebenden Mitgliedern zu organisieren. Der VEH e.V. ist nach der irischen Heimkinderorganisation die international größte Organisation ehemaliger Heimkinder.

Der Verein leistet unter der Leitung von Heidi Dettinger und Dirk Friedrich nicht nur Beratung für Betroffene und Aufklärung, er vertritt die Interessen ehemaliger Heimkinder auch aktiv auf politischer Ebene.

Homepage des VEH e.V.

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Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein

Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna-Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das „Herz der Finsternis“.

Mit diesen Worten der Historiker Prof. H.-W. Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler öffnet die Webseitensammlung der “Freien Arbeitsgruppe JHH2006” die von Helmut Jacob, selbst ehemaliges Heimkind des Johanna-Helenen-Heims in Volmarstein, mit großem persönlichen Engagement betrieben wird.

Auf diesen Seiten wurden in jahrelanger Arbeit Berichte von Opfern zusammengetragen, recherchiert und veröffentlicht. Auch die historischen Aufarbeitungen der Historiker Schmuhl und Winkler zur dunklen Pädagogik in der Nachkriegszeit in Volmarstein finden sich hier:

Homepage der Freien Arbeitsgruppe JHH2006 gewalt-im-jhh.de

Blog von Helmut Jacob

Neuer Blog von Helmut Jacob

 


Von Irene Dänzer-Vanotti, freie Journalistin, für den Evangelischen Pressedienst (epd):

Volmarstein. Körperbehinderte Heimkinder waren in einem Heim der Stiftung Volmarstein in den 50er und 60er Jahren körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommen die Historiker Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, die im Auftrag der Stiftung die Situation im Johanna-Helene- Heim untersuchten. Die etwa 60 Mädchen und Jungen, die in diesem Heim aufwuchsen, seien geschlagen und gedemütigt worden, sagte Schmuhl am Donnerstag in Volmarstein bei der Vorstellung der Forschung. „Die Züchtigung war auch nach damaliger Rechtslage als Körperverletzung strafbar,“ sagte Schmuhl und warf damit auch der damaligen Leitung des Sozialwerks vor, die Kinder nicht vor ihren Betreuerinnen geschützt zu haben. Die Bewohner des Heims, die zum Teil noch heute in Volmarstein leben, sprachen sich dafür aus, dass beim „Runden Tisch zur Aufarbeitung des Schicksals von Heimkindern“ Misshandlungen körperbehinderter Kinder eigens behandelt werden. „Es wäre fatal, wenn Behinderte dort nicht vertreten wären,“ fügte Hans-Walter Schmuhl hinzu.

Ein Mädchen hatte sein Mittagessen stehen lassen. „Zwei Diakonissen legten sie auf den Boden, schaufelten das Essen in sie hinein und wenn sie erbrach, fütterten sie ihr auch Erbrochenes.“ Dies ist nur eine Szene der Gewalt, die die Historiker aus Gesprächen und Dokumenten über das Leben im Johanna-Helenen-Heim ermittelten. In dem Heim lebten zwischen 1945 und 1968 etwa 60 körperbehinderte Kinder und Jugendliche. Sie wurden von Königsberger Diakonissen betreut. Diese waren aber, wie die Historikerin Ulrike Winkler sagte, für diese Arbeit nicht ausgebildet. „Außerdem waren sie selbst vermutlich von Misshandlungen durch Soldaten bei Kriegsende in Königsberg traumatisiert.“ Sie hätten die Kinder mit schwersten körperlichen Strafen erzogen. Schläge auf den nackten Hintern, die Bettnässer jeden Morgen über sich ergehen lassen mussten, müssten als sexuelle Gewalt gelten, so die Historiker.

Die Lehrerin Getrude Steiniger wurde als besonders gewalttätig geschildert. Sie war selbst körperbehindert. „Bei ihr mussten Kinder stundenlang in der Ecke stehen, wenn sie nicht gehorcht hatten,“ schilderte Ulrike Winkler die Erziehungsmaßnahmen. Viele Kinder seien dabei zusammengebrochen.

Diese Methoden hatten bei aller Brutalität einen theoretischen Hintergrund aus pädagogischen Überzeugungen des frühen 20. Jahrhunderts. Krüppel, wie Behinderte damals genannt wurden, müssten durch Willenskraft ihre körperlichen Schwierigkeiten ausgleichen. Vor allem müsste alles getan werden, damit sie sich in die Gemeinschaft eingliedern. „Jedes schulfähige Krüppelkind gehört auf eine Krüppelschule.“ Das war das Motto, das auf den Pädagogen Hans Würtz zurückging. „Das Ziel war eine komplette Selbstverleugnung der Kinder,“ so die Historiker. Dieses Ziel habe vor allem die selbst körperbehinderte Lehrerein Gertrude Steiniger gedient.

In den 50er und 60er Jahren war diese Pädagogik allerdings weder zeitgemäß noch rechtlich gestattet. „In Nordrhein-Westfalen war körperliche Züchtigung schon seit 1949 nur im äußersten Notfall, bei Mädchen gar nicht erlaubt,“ sagte Hans-Walter Schmuhl, Historiker an der Uni Bielefeld. „Die Leitung der Volmarsteiner Anstalten wäre also verpflichtet gewesen, die Erzieher zu überwachen und Kinder vor Körperstrafen zu schützen.“

„Kinder, die keine Eltern hatten, waren ganz und gar schutzlos,“ erzählt Klaus Dickneite. Der 62jährige lebte zwischen seinem zweiten und 20. Lebensjahr im Johanna Helenen-Heim und ist heute Sprecher der ehemaligen Bewohner. „Ich habe einmal die Schwestern darauf aufmerksam gemacht, dass einer meiner Freunde Ohrenschmerzen hat. Daraufhin musste ich zwei Wochen lang Nachmittags und am Wochenende den ganzen Tag im Bett bleiben.“ Klaus Dickneite hatte „jedes Stigma der damaligen Zeit“. Er war „körperbehindertes, uneheliches Kind einer katholischen Mutter.“

Die Historiker bestätigen, dass Waisenkinder oder Sozialwaisen, deren Eltern sich nicht um sie kümmerten, den Diakonissen ausgeliefert waren. Uneheliche Kinder seien von den Diakonissen besonders demütigend behandelt worden.

Die ehemaligen Bewohner des Heims haben sich inzwischen zu einem Freundeskreis zusammengeschlossen und auf der Webseite „www.gewalt-im-jhh.de“ Übergriffe dokumentiert. „Die Informationen auf dieser Seite sind zutreffend und eine gute Möglichkeit der Betroffenen, ihre Lage zu schildern und sich dadurch ein wenig Erleichterung zu verschaffen,“ sagt Hans-Walter Schmuhl.

Das Johanna-Helenen-Heim wurde 1968 wegen Baumängeln am Gebäude geschlossen. „In dem Heim herrschten Willkür, Zerstörung, Angst und Einsamkeit. Man blickte in das Herz der Finsternis,“ fasste Ulrike Winkler die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Untersuchung zusammen.

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Schläge im Namen des Herrn

“Schläge im Namen des Herrn” lautet der Titel einer 2006 erschienenen Buchdokumentation von Peter Wensierski. Ende 2011 verfilmte der Regisseur Dror Zahavi das Buch unter anderem mit Senta Berger und Matthias Habich mit dem Titel “Und alle haben geschwiegen”, die im März 2013 im ZDF gesendet wurde. Im Anschluss daran folgte eine dreißigminütige Dokumentation unter demselben Titel.

Die Veröffentlichung der verdrängten Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik führte zu Eingeständnissen der Kirchen und schließlich zu einer Diskussion im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, die eine Aufarbeitung sowie Anerkennung und teilweiser Entschädigung von Opfern ermöglichte.

Die Publikation dieses Buches und des Filmes ermutigte viele ehemalige Opfer von Gewalt und Missbrauch in den Kinderheimen der Nachkriegszeit Ihr Schweigen zu brechen und es formierten sich Selbsthilfegruppen und Vereine, die bis heute hervorragende Arbeit bei der Aufklärung um die dunkle Pädagogik leisten. Die erneute Auseinandersetzung mit dem Kindheitstrauma ist vielen Betroffenen schwergefallen, umso mehr ist ihr spätes Zeugnis ein Mahnmal.

Ihr Schicksal ist kaum bekannt: Bis in die siebziger Jahre hinein wurden mehr als eine halbe Million Kinder sowohl in kirchlichen wie staatlichen Heimen Westdeutschlands oft seelisch und körperlich schwer mißhandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham – selbst gegenüber Angehörigen.

Buch bei Bücher.de

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.03.2006

Matthias Drobinski mochte “manchmal gar nicht mehr weiterlesen”, derart “entsetzlich”, schreibt er, glichen sich die von Peter Wensierski über Jahre gesammelten und in diesem Buch festgehaltenen Erinnerungen Erwachsener an den Alltag in kirchlichen Heimen in den 50er und 60er Jahren. Entsetzlich vor allem wegen der laut Drobinski bei den Opfern bis heute nachwirkenden brutalen Erniedrigung und Drangsalierung durch sadistische Kirchenpädagogen. Staunend vermerkt der Rezensent die dennoch gewahrte Nüchternheit im Stil und die Faktentreue des Textes, die ihn von vergleichbaren Erlebnisberichten mit Opferperspektive absetzten. Die weich gezeichneten 50er und 60er Jahre haben für Drobinski durch diese Lektüre einen tiefen Kratzer bekommen. Die hierdurch bereits angeschobene Geschichtsrevision, wünscht er sich, möge “zur Pflicht der Heime” werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2006

Erschüttert zeigt sich Antonia von Alten von dieser Geschichte der Heimkinder in der frühen Bundesrepublik, die Peter Wensierski vorgelegt hat. Dessen präzise Darstellung des miserablen Umgangs mit den Kindern, seine Schilderung persönlicher Schicksale von Misshandlung, Demütigung, Ausbeutung in den Heimen sind nach Ansicht Altens “nichts für Zartbesaitete”. Sie hebt die zahlreichen von Wensierski zusammengetragenen Berichte von Betroffenen hervor, die bis heute von ihren Erlebnissen traumatisiert sind.

Die Stiftung “Anerkennung und Hilfe”

Die Stiftung “Anerkennung und Hilfe” hat im Auftrag von Bund, Ländern und Kirchen sowie deren Wohlfahrtsverbänden Anfang des Jahres 2017 Ihre Arbeit aufgenommen. Der Gründung dieser Stiftung ging ein Beschluss der Bundesregierung voraus. Obwohl der Bundestag bereits im Jahre 2012 (!) die Bundesregierung aufgefordert hatte, ein Hilfesystem zu errichten für Menschen, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit vom 23. Mai 1949 bis zum 31. Dezember 1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. vom 7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in stationären psychiatrischen Einrichtungen Leid und Unrecht erfahren haben, dauerte es unwürdige fünf Jahre, dieses Hilfesystem zu etablieren. Eine Petition, das ständige Einwirken von Opfervertretern und mehrere Großdemonstrationen waren notwendig, um die Regierung überhaupt zum Handeln zu bewegen.

Viele der Opfer haben das Jahr 2017 gar nicht mehr erlebt. Das war wohl eine weitgehend biologische Lösung des Problems um “Anerkennung und Hilfe”.

Vorangegangen war ein würdeloses Geschacher um die Höhe der Entschädigungen – von 5.000 bis 10.000 Euro Einmalentschädigung waren die Vorstellungen der Beteiligten – und um die aufwändige Verwaltung des Entschädingsfonds. Herausgekommen ist ein fauler Kompromiss.

Wer aus diesem nun funktionierenden Entschädigungsfonds einen Anspruch geltend machen möchte, dem bleibt nicht viel Zeit. Nur noch bis Ende 2019 kann man sich dort registrieren.

Ähnlich wie bei den Stiftungen zur Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs und Heimkindern heisst es: “Den letzten beißen die Hunde”.

Opfervertreter sind übrigens aus der Verwaltung der Stiftung ausgeschlossen. Man bleibt lieber unter sich. Ob und wie die Stiftung Ihren Auftrag nach wissenschaftlicher und historischer Aufarbeitung nachkommt, bleibt abzuwarten. Betroffene werden dort zwar zu einem Gespräch mit geschulten Psychologen eingeladen, eine wirkliche wissenschaftlich oder historisch verwertbare Feststellung von Fakten, Namen oder Begebenheiten findet bei diesen Gesprächen jedoch nicht statt. Die Auszahlung der einmaligen monetären Entschädigung ist problemlos, man setzt offenbar darauf, daß Ruhe einkehrt, wenn das Geld erstmal auf dem Konto der Opfer ist.

Hintergrundinformationen zur Stiftung

Homepage der Stiftung

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Gewalt und Missbrauch in der Kinderpsychiatrie (Video)

Die Aufarbeitung der Geschichte von Gewalt und Missbrauch in Kinderheimen und Anstalten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland wurde lange Zeit verhindert, ebenso eine ernstzunehmende Entschädigung der Opfer. Für viele Opfer ist es schwierig, selber aktiv zu werden, da viele mit der Bewältigung Ihres Traumas und dem Bestehen im eigenen Leben so beschäftigt sind, dass für eine Auseinandersetzung mit Behörden und Gerichten wenig Kraft bleibt. Es gab in allen großen Anstalten ähnliche Gewaltmuster, institutionelle Gewalt und Missbrauch gegenüber den Kindern zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

WDR Beitrag über die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg sowie die Klinik am Hesterberg in Schleswig in der Nachkriegszeit.

In einer Reaktion auf die vorgenannte Reportage des WDR veröffentlichte der  Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie eine Stellungnahme, in der er eine historische Aufarbeitung der Vorgänge ankündigte. Seither wurde nach langem Hin und Her ein Entschädigungsfonds für diejenigen Opfer eingerichtet, die ihr Schweigen brechen. Eine echte historische Aufarbeitung ist nicht zu erkennen, diese Entschädigungen aus Steuergeld haben eine reine Alibifunktion.

Erklärung der DGKJP

“Wir fördern die historische Aufarbeitung unseres Faches. “

Prof. Dr. J. M. Fegert

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